Erfahrungen vertrauen
Aus fehlschlüssen aussteigen – Wissenschaft mitfühlend begegnen

Erfahrungen vertrauen - souverän durch die Krise
Vertraust du deiner Erfahrung? Oder hast du häufig das Gefühl, erst Erlaubnis, Bestätigung oder eine Autorität zu benötigen, bevor du akzeptierst, was du eigentlich bereits weißt? Vertraust du eher einer Autorität, etwa einer bewunderten Lehrpersönlichkeit, als deiner eigenen Geisteskraft?
In Momenten von Schwäche, Unsicherheit oder Krise verlieren wir leicht das Vertrauen in unsere eigenen Wahrnehmungen. Wir wünschen uns vielleicht, jemand anders zu sein, glauben, andere hätten Zugang zur Wahrheit, oder fragen uns, warum unsere eigene Erfahrung weniger zuverlässig erscheint als die ihre. Man denke nur an die Verwirrung und Hilflosigkeit neben den konkurrierenden Ursprungstheorien während der Coronakrise.

Woher kommt die Anfälligkeit für toxische Narrative
Wir leben in einer Zeit, in der sich Falschinformationen, Manipulation und polarisierende Narrative mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit verbreiten. Doch dieses Phänomen ist nicht neu. Vor einem Jahrhundert wurden Gesellschaften von giftigen Erzählungen über Rassismus und Antisemitismus geprägt. Vor zwei Jahrhunderten rechtfertigten koloniale Ideologien die Unterwerfung außereuropäischer Völker. Noch früher wurden religiöse Konflikte durch Geschichten angeheizt, die die Menschheit in gegensätzliche Lager teilten.
Vielleicht reichen die Wurzeln solcher Narrative sogar noch viel weiter zurück. Überall dort, wo Menschen mit Angst, Unsicherheit, Verlust und Verwundbarkeit konfrontiert waren, entstanden Geschichten, die Gewissheit versprachen, während sie die Wirklichkeit oft verzerrten.

Warum Philosophie helfen kann, der Erfahrung zu trauen
Eine der bleibenden Aufgaben der Philosophie besteht darin, Menschen dabei zu helfen, zwischen Erfahrung und den Erzählungen zu unterscheiden, die ihr übergestülpt werden.
Die Frage lautet: Wie können wir das Vertrauen in unsere eigene Erfahrung wiederherstellen? Wie können wir Wissenschaft und mediale Vereinfachung und Übertreibung erkennen und Fehlschlüsse vermeiden?
Besonders wichtig ist dies für Frauen, die historisch dazu ermutigt wurden, an sich selbst zu zweifeln. Minderheiten und verletzlichen Personen wurde oft gesagt, ihre Erfahrungen seien unzuverlässig und andere seien besser qualifiziert, die Realität für sie zu interpretieren.
Ein Fallbeispiel für erschüttertes Vertrauen
Vor Kurzem begegnete ich einer Behauptung, die mich zutiefst erstaunte. Eine Lehrerin erklärte, sowohl Träume als auch das Wachbewusstsein seien Formen der Illusion, und die Wissenschaft habe dies nachgewiesen. Die Implikation war, dass das, was wir als materielle Wirklichkeit wahrnehmen, nicht realer sei als ein Traum.
Das ließ mich sprachlos zurück, und ich versuchte herauszufinden, auf welche Wissenschaft sie sich beziehen könnte – denn die Wissenschaft gibt es nicht als einheitliche Instanz. Hier ist, was ich herausfand:
Wissenschaftliche Erkenntnisse und Übertreibungen
Die moderne Kognitionswissenschaft hat tatsächlich faszinierende Theorien über Wahrnehmung und Bewusstsein hervorgebracht.

Die Interface-Theorie der Wahrnehmung:
So argumentiert Donald Hoffman, dass die Evolution nicht notwendigerweise Wahrnehmungen begünstigt, die die Realität korrekt abbilden. Stattdessen bevorzuge sie Wahrnehmungen, die Organismen beim Überleben helfen. Nach seiner „Interface Theory of Perception“ funktionieren unsere Wahrnehmungen ähnlich wie die Symbole auf einem Computerdesktop: nützlich zur Orientierung und für schnelles Handeln, aber nicht unbedingt geeignet, die zugrunde liegende Realität offenzulegen.

Bewusstsein als Benutzeroberfläche
In ähnlicher Weise hat Daniel Dennett vorgeschlagen, dass Bewusstsein eine Art Benutzeroberfläche ist, die vom Gehirn erzeugt wird und uns erlaubt, mit einer Komplexität zu interagieren, die unserem Bewusstsein weitgehend verborgen bleibt. Tatsächlich ist diese Fähigkeit zur Reduktion von Komplexität beeindruckend: Hat man einmal gelernt zu gehen, kann man es tun, ohne Entscheidungen treffen zu müssen. Viele Fähigkeiten werden automatisiert und stehen uns mühelos zur Verfügung.

Gehirnorakel - Orakelgehirn
Anil Seth beschreibt Wahrnehmung im Rahmen der Theorie des prädiktiven (vorhersagenden) Prozessierens als eine „kontrollierte Halluzination“. Nach seiner Auffassung erzeugt das Gehirn fortlaufend Vorhersagen über die Welt und passt diese an, sobald eingehende Sinnesinformationen nicht mehr zu den Erwartungen passen. Diese Erfindung der Natur ist äußerst energiesparend, denn wir müssen uns nur dessen bewusstwerden, was im gegenwärtigen Moment nicht funktioniert.
Wahrnehmung ist mehr als passives Abbilden
Die drei vorgestellten Modelle leisten wichtige wissenschaftliche Beiträge. Sie stellen die alte Vorstellung infrage, Wahrnehmung sei lediglich ein passives Aufzeichnungsgerät. Weniger erklären sie unsere Fähigkeit zu Innovation und Erfindungsgabe, auch wenn diese durch den Schleier hindurchschimmert.
Ich liebe dieses fehlbare Orakel-Gehirn, wenn ich durch die Entdeckung einer wunderbaren Neuheit zu einer neuen Einsicht gelange – und verfluche es, wenn es mich durch eine harte Korrektur über einen Stein stolpern lässt.
Praxisbeispiel: Erfahrung gegen Theorie
Betrachten wir die Funktionsweise des prädiktiven Gehirns anhand eines einfachen Beispiels: Eine junge Frau mit braunen Haaren.
Du kennst sie bereits seit einiger Zeit, und dein Gehirn sagt erfolgreich voraus:
„Die junge Frau hat braune Haare.“
„Schon wieder braune Haare.“
„Immer noch braun.“
Dann erscheint sie eines Tages mit roten Haaren.
Die Vorhersage schlägt fehl. Das Modell wird von Braun auf Rot aktualisiert.
Einige Wochen später kommt sie blond gefärbt.
Wird dein Gehirn nun einfach wie gewohnt das Modell „Rot“ durch „Blond“ ersetzen?
Ich vermute, es wird etwas völlig anderes tun. Vorhersage verwandelt sich in Neugier und eine aufmerksame Haltung. Oder wird die Vorhersage durch Desinteresse ersetzt?
Meine eigene Ratlosigkeit sagt mir, dass das Gehirn nun einen komplizierteren Weg einschlägt. Mehr Bereiche und andere Beteiligte sind nun im Spiel. Und ich muss fragen:
Wer ist neugierig? Ist das Gehirn neugierig? Ist die Neugier selbst neugierig?
Hängt es von der Beziehung zwischen dir und der jungen Frau ab, ob Neugier entsteht oder Gleichgültigkeit gegenüber Haarfarben?
Wie viele Personen oder Entitäten – Gehirn, Augen, Sinne, Neuronen – sind hier eigentlich am Werk? Wie du siehst, treten nun Bedeutung und Wert auf die Bühne des Bewusstseins.
Mit der Erfahrung selbst setzt sich Philosophie auseinander
An diesem Punkt bewegen wir uns von der Neurowissenschaft zur Philosophie.
Die wissenschaftlichen Theorien beschreiben Mechanismen der Erfahrung. Sie erklären, wie Wahrnehmung erzeugt, organisiert und verfeinert werden kann. Doch sie ersetzen die Erfahrung selbst nicht.
Egal wie ausgefeilt unsere Theorien werden, eine grundlegende Tatsache bleibt bestehen:
Jemand macht die Erfahrung. Jemand nimmt wahr. Jemand wundert sich. Jemand ist neugierig. Jemand stellt Fragen über das Bewusstsein selbst.
Hier bietet die Prozessphilosophie eine umfassendere Perspektive. Und ich werde die Philosophie nach der Erfahrung fragen:
Erfahrung als Mittelpunkt des Prozessdenkens
Alfred North Whitehead argumentierte, Erfahrung dürfe nicht als zufälliges Nebenprodukt eines letztlich toten und bedeutungslosen Universums betrachtet werden. Stattdessen schlug er vor, dass Erfahrung – oder das, was er „Prähension“ nannte (jede Form des „Fühlens“) – ein grundlegendes Merkmal der Wirklichkeit sei.
Für Whitehead besteht die Wirklichkeit letztlich nicht aus statischen Dingen, sondern aus Ereignissen, Prozessen, Beziehungen und Erfahrungen. Materie selbst ist eine Abstraktion, die aus einer tieferen Welt des dynamischen Werdens hervorgeht.
Ob man Whitehead zustimmt oder nicht – seine Perspektive erinnert uns an etwas Wichtiges: Jedes wissenschaftliche Modell beginnt innerhalb der Erfahrung.
Wissenschaftler beobachten Erfahrungen. Sie führen Experimente durch, die erfahren werden. Die analysierten Daten werden erfahren. Die Theorien, die sie formulieren, werden erfahren. Wissenschaftler bewegen sich durch zahlreiche Schritte der Erfahrung. Deshalb gilt: Erfahrung ist nichts, worüber die Wissenschaft einfach hinaussteigen könnte. Sie ist vielmehr der Boden, auf dem Wissenschaft überhaupt steht. Dennoch benötigt Wissenschaft Abstraktion, also eine Reduktion von Komplexität.
Anfälligkeit dafür, Abstraktionen für Wirklichkeit zu halten
Whitehead warnte vor dem, was er den „Fehlschluss der fehlplatzierten Konkretheit“ (fallacy of misplaced concreteness) nannte: der Verwechslung einer Abstraktion mit der Wirklichkeit selbst.
Wissenschaftliche Modelle sind außerordentlich nützliche Abstraktionen. Aber sie bleiben Modelle. Und wir, die wir meist über sekundäre Medien informiert sind, können uns dessen bewusst bleiben:
Eine Landkarte ist nicht die Landschaft. Partituren sind nicht die Musik. Neurowissenschaftliche Modelle der Emotionen sind nicht Emotion. Kein Modell der Wahrnehmung ersetzt das Wahrnehmen.
Die „Fallacy of misplaced concreteness“ ist eingetreten, wenn wir diese Unterschiede vergessen.
Raus aus der Falle der unangebrachten Konkretheit
Auch wenn Wahrnehmung konstruiert, bleibt sie wirklicher Zugang zur Welt.
Zwar arbeitet Bewusstsein vermittelnd, aber das ist nicht gleich mit täuschend. Im Normalfall gibt es Wirklichkeit gut genug wider.
Vorhersagen trifft das Gehirn, um ökonomisch zu arbeiten. Die Quelle der Vorhersagen bleibt die reale Welt. Das Gehirn ist kritik- und lernfähig. Die Welt bleibt erhalten, nicht das Vorurteil.
Und weil Wahrnehmung glücklicherweise kein perfekter Spiegel der Realität ist, ist die Wirklichkeit keineswegs eine Illusion.
Die Wissenschaftler wissen meist um den Modelcharakter ihrer Erkenntnisse. Oft sind es Medien, die daraus vereinfachend sensationelle Nachrichten machen, wie ich die vom Orakelgehirn mache.
Wissenschaft mitfühlend begreifen
Falle daher nicht dem Fehlschluss der fehlplatzierten Konkretheit zum Opfer, so schön eine Abstraktion auch erscheinen mag. Gleichzeitig, musst du sie nicht zurückweisen. Vielmehr solltest du beginnen, Wissenschaft einschließlich ihres begrenzten Rahmens tiefer und mit mehr Mitgefühl zu verstehen. Stelle das Vertrauen in die Erfahrungen von dir und deinen Lieben wiederher.
Wissenschaften lehren uns viel darüber, wie Wahrnehmung funktioniert. Sie erklären Mechanismen. Es geht ihnen darum, Teile zu beleuchten. Philosophie hilft uns zu fragen, wozu Wahrnehmung dient, indem sie die Bedeutung erforscht. Sie betrachtet das Ganze mit seinen Intentionen, Bewertungen und dem Sinn.
Wahrnehmung und Erfahrung sind lebendige, relationale Prozesse, durch die wir uns in einer sich entfaltenden Welt selbst entfalten und mitgestalten. Deshalb bleibt Vertrauen in die Erfahrung unverzichtbar. Dabei sind Erfahrungen keineswegs passiv, sondern geschehen durch unser Handeln in unserer Welt. Wir konstituieren unsere Welt aktiv im gegenwärtigen Moment mit. Und das gilt für jeden von uns, der das Glück hat, über ein funktionierendes Gehirn, ein Nervensystem, einen Körper sowie Raum zum Atmen und Bewegen zu verfügen.

Das Eine und das Andere machen die Erfahrung ganz
Ein glücklicher Zufall (oder ganz geduldiges Lesen) hat mich zu folgendem Zitat geführt, das ebenso wie zu Logos und Eros auch zu Yin und Yang hätte verfasst werden können.
„Logos ist nicht der kalte Verstand eines Ingenieurs, der aus der Distanz entwirft. Von Heraklit und Philo über Plotin bis hin zu Maximus dem Bekenner wird der Logos als fließend, lebendig, relational, stets neu und tatsächlich auch leiblich beschrieben. Es gibt gute Gründe dafür, dass chinesische Bibelübersetzungen den Logos mit Tao wiedergeben. Der Logos, den ich wiederbeleben möchte, ist nicht der eingefrorene Bauplan, sondern die erotische Axiologie der Möglichkeit selbst. So verstanden ist Logos nicht der Feind des Angrenzend-Möglichen, sondern die Bedingung seiner Möglichkeit: die Abstufung von Relevanz, durch die das Unbestimmte nicht zu einer Menge vorbestimmter Variablen wird, sondern zu einem relevanten Feld gangbarer nächster Schritte. Eros ohne Logos ist egoistisches Verlangen; Logos ohne Eros ist tote Deduktion; die Geburt des lebendigen Wortes hat immer ihre Vereinigung erfordert.“
Matthew David Segall, Substack, 7. Juli 2026: Footnotes2Plato, Übersetzung durch Microsoft Copilot am 9. Juli, Auftrag Ingrid Drafta
Vertrauen und Selbstbehauptung
Hi, ich bin Ingrid Drafta
Ich bin Ingrid und verbinde in meiner Arbeit tiefenpsychologisches Coaching der Jungian Coaching School mit neo-schamanischen Meditationen und Gesprächspraktiken der Four Winds Society und der She Rising Academy. Wie du siehst verbinde ich gerne Wissenschaft und Seelenweisheit.
Im Erstgespräch gewinnst Du Klarheit darüber, wie Du Dich durch mein Coaching-Programm selbst entfalten kannst. Von Deinem emotionalen Standort aus findest Du Orientierung. Das Erstgespräch ist kostenlos, unverbindlich und vertraulich.
Starte mit einem kostenlosen Erstgespräch.
Aufgeblüht: Was Kundinnen schätzen
Auch du kannst Lebensfreude und Selbstsicherheit genießen
Meine Kundinnen und Mitreisenden in den Talking Circles und Meditationen sind ruhiger gworden. Die Emotionen schwingen harmonischer. Weil wir gelernt haben, mitfühlend aus unseren Gefühlen neue Orientierung zu finden, lassen wir uns von den Stimmungen und Launen anderer nicht vom Weg abbringen. Wir fühlen uns freier und wählen Beziehungen besser aus. Wir beginnen zu wählen und zu werden, wie wir sein wollen.
Mehr als alles schätze ich die Ruhe, die ich gefunden habe. Iich lebe ohne die ständige Angst und weiß, ich kann mir selbst vertrauen. Von Hektik und Panik lasse ich mich nicht mehr anstecken, sondern grenze mich ab. Mein Leben ist dadurch kostbarer geworden.
Ich empfinde weiterhin Mitgefühl mit anderen, aber ich verliere mich nicht darin. Weder falle ich in Ko-Abhängigkeit noch übernehme ich fremde Gefühle. Mein Gewissen ist ruhig geworden, weil ich gelernt habe, mit meinen Emotionen annehmend und verwandelnd umzugehen.
Heute gönne ich mir, was ich mir leisten kann. Geben und Nehmen sind im Gleichgewicht. Ich habe mir ein Pferd gekauft und bin ans Meer gezogen. Träume habe ich wahr gemacht. Und ich habe meinen Sinn in diesem Leben gefunden. Das ist einfach wunderbar.
So nimmst Du Kontakt mit mir auf!

Phone
+49 (0) 177-3333661

